Die ganzheitliche Behandlung des Fibromyalgiesyndroms

Bio-psycho-soziale Differenzialdiagnostik und Schmerztherapie nach neuesten neurobiologischen Erkenntnissen

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden am Fibromyalgiesyndrom, auch Faser-Muskel-Schmerz genannt. Vor allem Frauen sind betroffen. Sie haben immer wieder Schmerzen in verschiedenen Körperbereichen. Man geht dabei von einem Ungleichgewicht zwischen Schmerzwahrnehmung und Schmerzhemmung im zentralen Nervensystem aus. Die Schmerzhemmung funktioniert bei Betroffenen über die Jahre immer schlechter.

Starke Schmerzen treten an unterschiedlichen Körperstellen auf und können wandern. Dabei kann der ganze Körper von diffusen Schmerzen betroffen sein, die den Alltag stark einschränken. Meist ist aber organisch kein Defekt oder keine lokalisierbare Ursache diagnostizierbar, weshalb die Akzeptanz als Krankheit den Betroffenen und deren Umfeld oft schwerfällt. Auch in der Fachdiskussion ist das schwer fassbare Fibromyalgiesyndrom umstritten. Am 26. April 2018 fand dazu im Sigma-Zentrum ein interner Workshop mit Frau Dr. Maria Geisler statt.

Aufgrund der oftmals schwer objektiv in ihrer Ursache nachvollziehbaren Schmerzen erleben Patienten mit Fibromyalgiesyndrom oft, dass sie in ihrem Leid nicht ausreichend ernstgenommen werden. Sie haben in vielen Fällen bereits eine Odyssee von Arztbesuchen unterschiedlichster Fachrichtungen hinter sich. In Einzelfällen dauert es immer noch Jahre bis zur Diagnosestellung und einer adäquaten Behandlung. Im Sigma-Zentrum sind diese Patienten willkommen. Sie werden in ihrer Not gesehen und gewürdigt. Auch eine Kooperation mit einem schmerztherapeutischen Zentrum ergänzt unser therapeutisches Spektrum.

Zunächst muss eine sorgfältige bio-psycho-soziale Differenzialdiagnostik als Voraussetzung für eine spezifische Behandlung erfolgen. Es gibt verschiedene Subgruppen des Fibromyalgiesyndroms, welche einer unterschiedlichen Behandlung bedürfen. Die Behandlung der bisher fünf spezifizierten Subgruppen mit rein verhaltenstherapeutischer Schmerztherapie entspricht nicht mehr den neuesten neurobiologischen Erkenntnissen und sollte der Vergangenheit angehören. Ein hoher Anteil der Fibromyalgiepatienten hat gleichzeitig eine nicht diagnostizierte Angsterkrankung, eine weitere Subgruppe hat eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstruktur.

Besteht eine Angsterkrankung mit ausgeprägten muskulären Verspannungen und ein psychovegetatives Hyperarousal, so sollte ein Angstbewältigungstraining mit Entspannungsverfahren und Physio- und Sporttherapie erfolgen.

Besteht eine Posttraumatische Belastungsstörung mit multilokulären Schmerzen als Leitsymptom, dann ist eine traumaspezifische Behandlung indiziert.

Liegt weder eine Angsterkrankung noch eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstruktur vor, dann sollte ein verhaltenstherapeutisches Schmerzbewältigungstraining erfolgen.

Besteht eine Konfliktsituation im beruflichen und/oder familiären Bereich, so erweist sich eine rein schmerzbezogene Verhaltenstherapie als nicht wirksam. (Turk DC et al.) Unserem Therapiekonzept liegt ein bio-psycho-soziales Krankheitsmodell zugrunde. Der Schmerz darf nicht darauf reduziert werden, dass er nur ein Warnsignal für eine Gewebsschädigung darstellt. Es gibt im Gehirn eine große Überlappung zwischen der Stress- und Schmerzverarbeitung.

Der enge Zusammenhang zwischen biografischen Stressoren und dem Fibromyalgiesyndrom wurde in vielen Studien wissenschaftlich überprüft und nachgewiesen.

Zu diesen biografischen Stressoren zählen u.a.:

  • Frühkindliche emotionale Vernachlässigung,
  • Parentifizierung,
  • Ausgrenzungserfahrungen,
  • chronischer Streit in der Primärfamilie,
  • längere Trennung von den Eltern in den ersten Lebensjahren.

Unser aktualisiertes Behandlungskonzept beinhaltet neben zwei bis drei Einzelgesprächen pro Woche mindestens eine Sitzung intensiver Körperpsychotherapie, die Teilnahme an einer speziell für chronisch Schmerzkranke konzipierten Psychoedukationsgruppe, fakultativ die Teilnahme an der Gestaltungsgruppe, der Musiktherapie, der Tanz- und Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und sporttherapeutische Maßnahmen.

Die speziell für chronisch Schmerzkranke konzipierte Psychoedukationsgruppe beinhaltet sechs Module.

In diesen Modulen werden folgende Themen erarbeitet:

  • Das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell,
  • der gute Umgang mit der diffusen Angst,
  • Wege aus der Depression,
  • Ressourcenaktivierung,
  • Umgang mit Belastungen und Kränkungen,
  • Schlafhygiene,
  • die Wahrnehmung eigener Grundbedürfnisse,
  • der Umgang mit den eigenen Grundbedürfnissen.

Wir alle haben biologisch verankerte Grundbedürfnisse: Jeder Mensch strebt danach, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden und dass diese vor Verletzung geschützt werden. Wir nähern uns den Grundbedürfnissen an oder wir vermeiden den Kontakt zu ihnen, um uns vor Enttäuschungen zu schützen.  Es kann auch sein, dass wir in übertriebener Art und Weise darauf achten, dass diese erfüllt werden (z.B. übertriebene Leistungsbereitschaft, um beachtet und geschätzt zu werden).

Wenn diese Grundbedürfnisse missachtet werden, entsteht eine innere Inkongruenzspannung, die wesentlich zur Schmerzentstehung beiträgt. Seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, äußern und durchsetzen lernen, trägt wesentlich zur Schmerzreduktion bei.

Durch unser Behandlungskonzept können die Patientinnen und Patienten einen erheblichen Rückgang ihrer Schmerzen erzielen und trotz Begrenzungen Spielräume erkennen und nutzen lernen. Dies bewirkt eine Steigerung der Lebensqualität und Lebensfreude, was sich positiv auf das ganze soziale Umfeld auswirkt.

Dr. med. Maria Geisler, Funktionsoberärztin