Zweierlei Hilfe für dieselben Patienten

Zitat eines Beitrages von Christina Hucklenbroich in der FAZ 28.04.2013: Ein alter Streit geht in eine neue Runde: Psychiater und Fachärzte für psychosomatische Medizin sehen sich für weitgehend dieselben Erkrankungen zuständig, etwa Depressionen und Angststörungen. 

dpa

dpa

Der Konflikt ist so alt wie das Fachgebiet selbst: Den Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie gibt es seit 1992, und seitdem wurde immer wieder um ihn gerungen. Der Streit begann schon im gleichen Jahr, denn damals nannte sich auch das Fachgebiet Psychiatrie um, in „Psychiatrie und Psychotherapie“. Damit war die Auseinandersetzung begründet. Es ging dabei um die Zuständigkeit für die Versorgung einer wachsenden Zahl von Patienten, deren Erkrankungen psychotherapeutische Behandlung erfordern. Mehrfach wurde in den vergangenen zwanzig Jahren im Zuge der Debatten um die Zuständigkeit sogar vorgeschlagen, den Facharzt für Psychosomatik wieder abzuschaffen.

Jetzt geht die Auseinandersetzung zwischen Psychiatern und Fachärzten für psychosomatische Medizin in eine neue Runde. Im vergangenen November teilte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), die Fachgesellschaft der Psychiater, offiziell mit, zukünftig auch den Begriff „Psychosomatik“ im Titel führen zu wollen. Das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) werteten das als „feindliche Übernahme“, so überschrieb das „Deutsche Ärzteblatt“ im Januar die Berichterstattung zum Thema. „Ungewöhnlich, befremdlich und einzigartig“ sei es, dass eine medizinische Fachgesellschaft eine andere ohne Konsens versuche zu vereinnahmen, äußerten sich die Fachärzte für psychosomatische Medizin.

Keine Subdisziplin der Psychiatrie

Sie lieferten dabei gleich stichhaltige Argumente für ihre Alleinstellung mit: 1500 Psychotherapiestunden unter Supervision müssen Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt für Psychosomatik ableisten. Bei den Psychiatern sind es nur 240 Stunden. Damit sei die Zuständigkeit klar abgesteckt. Zudem habe das Fachgebiet Psychosomatische Medizin seine Wurzeln in der somatischen Medizin, äußerten sich die DKPM- und DGPM-Vertreter im „Ärzteblatt“. Zu keiner Zeit sei die Psychosomatik eine Subdisziplin der Psychiatrie gewesen.

Die Eigenständigkeit des Faches betonte Wolfgang Herzog als Kongressleiter auch noch einmal beim diesjährigen Jahreskongress des Fachgebietes Psychosomatik in Heidelberg. Er spezifizierte auch die Schwerpunkte, die sein Gebiet verfolgt. Die Psychosomatik sei ein Fach, das sich besonders für Therapien und die Therapieforschung einsetze. Bevölkerungsbasierte Untersuchungen haben ergeben, dass neunzehn Prozent der Erwachsenen gleichzeitig unter einer körperlichen und einer psychischen Erkrankung leiden. Mit diesen Konstellationen befasst sich die Psychosomatik, wobei es zum einen um biologische Faktoren geht, die beides beeinflussen, zum anderen auch um Wechselwirkungen auf der Verhaltensebene, etwa bei Diabetespatienten, die aufgrund einer Depression ärztlichen Empfehlungen, zum Beispiel zur Gewichtsregulation, nicht Folge leisten und so ihre körperliche Erkrankung verschlimmern.

Beide Fachärzte leisten Verschiedenes

Nur in Deutschland gibt es den Facharzt für psychosomatische Medizin, einen eigens auf diesen Bereich spezialisierten Mediziner, als von der Psychiatrie losgelösten Facharzt. Johannes Kruse, Präsident der DGPM, betonte in Heidelberg, dass die beiden Versorgungsstränge ihre Berechtigung hätten: „Etwas grundsätzlich Verschiedenes“ leisteten die beiden unterschiedlichen Fachärzte.

Auch Kruse sieht die ärztliche Psychotherapie als Hoheitsgebiet der Fachärzte für psychosomatische Medizin an. Die Psychiatrie sei dagegen nicht primär psychotherapeutisch ausgerichtet, sie sei charakterisiert durch eher kurze Arzt-Patient-Kontakte, es werde hauptsächlich medikamentös behandelt, und ein hoher Durchlauf an Patienten sei kennzeichnend. Zudem sieht Kruse die Psychosomatiker in einer besonderen Rolle, wenn es darum geht, psychosomatisch Erkrankte vor einer Odyssee durch die Fachgebiete der somatischen Medizin zu bewahren: „Viele Menschen, die körperliche Symptome zeigen, werden zu sehr invasiver Diagnostik und somatischer Medizin ausgesetzt, etwa Patienten, die aufgrund starker Stressbelastung Herzbeschwerden haben und sich deshalb ängstigen. Ohne Psychosomatiker werden sie immer weiter somatisch untersucht.“

Überlappungen bei Depressionen und Angststörungen

Die Psychosomatik ist in dieser Sichtweise so etwas wie ein schützender, dringend notwendiger Hafen in einem Gesundheitssystem, das die psychosomatische Seite von Leiden noch oft verkennt. Außerdem seien beide Fachgebiete auch weitgehend für unterschiedliche Patienten zuständig, sagt Kruse – die Psychiatrie etwa für Psychosen, bipolare Störungen, Demenz oder Süchte. Überlappungen gebe es nur bei den Depressionen und Angststörungen.

Das sehen die deutschen Psychiater anders. „Die beiden Fächer sind eigentlich vom Versorgungsauftrag her kaum zu differenzieren“, sagt Peter Falkai, bis Ende 2012 Präsident der DGPPN, und nennt ein Beispiel: „Unter den 420 Kliniken für Psychosomatik in Deutschland wird ein Drittel von einem Psychiater geleitet, ein Drittel von einem Psychosomatiker; ein weiteres Drittel der Klinikleiter hat eine Doppelqualifikation.“

Auch was die Patienten angeht, für die sich die beiden Felder zuständig fühlen, sieht Falkai stärkere Überschneidungen als die Kollegen aus der Psychosomatik. „In einer durchschnittlichen psychosomatischen Klinik ist eine Überlappung von siebzig Prozent der Patienten und mehr gegeben. Wenn so hohe Überschneidungen vorliegen, hat man eine zweigleisige Versorgung.“ Die aber sei weder für den Patienten noch gesundheitspolitisch vermittelbar.

Geschlossenheit nach außen

Für Falkai geht es auch um die Repräsentation der ärztlichen Zuständigkeit bei psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit: „Wir wollen eine klarere Geschlossenheit nach außen erreichen.“ Mit diesem Ziel initiierte die DGPPN vor einigen Jahren Kamingespräche, in denen Psychiater mit Vertretern der deutschen psychosomatischen Fachgesellschaften über einen gemeinsamen Facharzt diskutierten. Die Verhandlungen endeten Ende 2011, zur Einigung kam es nicht. Auch wegen der Weiterbildung: Nur durch die hohe Stundenzahl während der Assistenzzeit sehen die Ärzte für psychosomatische Medizin die spätere umfassende Befähigung der Fachärzte zur Psychotherapie gesichert. Die Psychiater hingegen sind der Ansicht, ihre Weiterbildung berücksichtige die Psychotherapie schon jetzt in vergleichbarem Umfang. „Wir haben eine andere Struktur der Weiterbildung“, sagt Wolfgang Maier, amtierender Präsident der DGPPN. „Der Assistenzarzt muss vierzig Behandlungsfälle betreuen, dabei fungiert ein Oberarzt als Supervisor. Das findet zwar nicht statt unter der Überschrift Psychotherapie, sondern als Teil einer ganzheitlichen Ausbildung.“ Es handele sich aber um „dieselbe Weiterbildungsleistung wie in der Psychosomatik – nur unter anderer Überschrift“.

Die Namensergänzung um das Wort „Psychosomatik“ im Titel der Fachgesellschaft sehen die Vertreter der DGPPN keineswegs als „feindliche Übernahme“. „Die somatopsychischen Erkrankungen sind unser Kerngeschäft“, verdeutlicht Falkai. „Wir greifen nicht über, wir erkennen einfach an, dass es so ist.“ Maier ergänzt: „Die Verschränkung zwischen Psyche und Soma wird durch Forschungsergebnisse immer deutlicher. Es gibt nicht nur Schnittstellen im Gehirn, sondern im ganzen Körper, etwa bei Depressionen, die einhergehen mit hormonellen Störungen oder Gewichtszunahme. Auch der wissenschaftliche Fortschritt erzwingt es also, dass der Psychiater an der Schnittstelle arbeitet.“ Das Ziel der DGPPN-Vertreter ist es, die Verhandlungen über den gemeinsamen Facharzt wiederaufzunehmen.

Sprechstundenmedizin für die Psychosomatik

In Heidelberg bekräftigten allerdings die Vertreter der psychosomatischen Medizin, dass sie ihre Zukunft nicht in einem gemeinsamen Facharzt sehen. Unterstützung bekommen sie jetzt von der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG), deren Vertreter gerade in einem Leserbrief an das Ärzteblatt geschrieben haben, Menschen mit psychosomatischen Krankheitsbildern „gehören nicht primär zum Psychiater. Sie sind besser untergebracht bei TherapeutInnen, die speziell dafür ausgebildet sind, körperliche und seelische Ursachen integrativ zu betrachten und zu behandeln.“ Das sind in Deutschland allerdings nicht nur die Fachärzte für psychosomatische Medizin, sondern auch die Frauenärzte und Allgemeinmediziner, in deren Assistenzzeit schon jetzt ein Pflichtcurriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ enthalten ist.

Derzeit setzt sich der neu gegründete Dachverband Psychosomatik und Ärztliche Psychotherapie in den somatischen Fachgebieten (DPÄP) darüber hinaus dafür ein, die psychosomatische Medizin in die Assistenzzeiten der Fachärzte aller Gebiete verpflichtend zu integrieren (F.A.Z. vom 13. März 2013). Auch die Fachärzte für psychosomatische Medizin selbst entwickeln gegenwärtig die Zuständigkeit ihres Fachgebietes weiter. Sie wollen die „Sprechstundenmedizin“ in der Psychosomatik stärken. Johannes Kruse erläuterte in Heidelberg, dass man gerade ein Konzept erarbeite, mit dem somatisch behandelte Patienten, bei denen keine körperliche Ursache für die Beschwerden gefunden werden kann, eine schnelle psychosomatische Intervention erhalten, eine ambulante Kurzzeittherapie – natürlich bei einem Facharzt für psychosomatische Medizin.

       

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.