Interaktive Medizin

Kommunikative und verhaltenstherapeutische Verfahren dienen einer ziel-, lösungs- und konfliktorientierten Vorgehensweise. Introspektiv ermöglichen tiefenpsychologisch fundierte bzw. psychoanalytische Verfahren und die Methoden der humanistischen Psychologie einen schnellen Zugang zu den Problemen der betroffenen Menschen.

Während es in einer Behandlung einerseits um das Erleben einer inneren Ordnung geht (somatische Medizin), geht es andererseits um Kreativität (z.B. Kunsttherapie, Musiktherapie, Gestaltungstherapie) und die dadurch bewirkte Selbstregulierung (mehrdimensionale Therapie). Die Wahrnehmung seiner selbst durch Gestaltung, durch geistige Auseinandersetzung und durch Handlung stabilisiert die Patienten, lässt aber auch seelische und zwischenmenschliche Bedürfnisse und Konflikte spürbar werden. Dieser Selbstwahrnehmung dienen zudem Rollenspiele und die gestalttherapeutischen Ansätze der Gruppenführung. Sie fördern einen emotionalen Prozess, ohne unbedingt Probleme im Miteinander (Beziehungskonflikte) direkt ansprechen zu müssen.

Nicht zuletzt sind entspannungs- und körpertherapeutische Verfahren (z.B. Progressive Muskelrelaxation, Biofeedback, Analytische Körperarbeit, Feldenkraismethode, Funktionelle Entspannung, Heilgymnastik, Hypnotherapie) von großer Bedeutung, da sie die Hinführung zum Selbst, losgelöst von unmittelbar geistigen und seelischen Verpflichtungen, unterstützen.

Mit den Mitteln der Beziehungsarbeit, durch Selbstregulierung und durch handlungszentrierte Maßnahmen kann also eine Stabilisierung der Patienten bewirkt werden, während die Gefahren von Überforderung oder andererseits der Manifestierung von Problemen durch fehlendes Einfühlungsvermögen Probleme minimiert werden (interaktive Medizin).

 

Der kybernetische Ansatz in der Medizin

Medizin ist Interaktion: Leben stellt ökologisch die Wechselbeziehung der Zellen aller Organe untereinander, der Organe miteinander, des Menschen mit der Umwelt und dieser mit dem Kosmos dar. Diese Wechselbeziehungen unterliegen Informationen, die Organismen erst lebensfähig machen und Information wiederum ist nichts anderes als Geist. Somit ist Geist Leben bzw. Körper, bzw. Körper Geist [„Santiago-Modell“ H. Maturana / F. Varela, 1990].

Die somatische Medizin berücksichtigt deshalb Wechselbeziehungen zwischen biologischen, gesellschaftlichen, familiären und interpersonellen Prozessen, physikalischem Umfeld, individuellem Körpergeschehen und seelisch-geistigem Erleben. Das medikamentöse, physikalische und psychotherapeutische Behandlungskonzept der somatischen Medizin kann als eine „kybernetisch-ökologische Ganzheitsmedizin“ gesehen werden. Sie trägt dem Organischen, dem Geistigen, dem Seelischen und der Umwelt, einschließlich der sozialen Dimension, Rechnung [vgl. Wirsching, Stierlin u. a. 1989].

Die Erweiterung des klassischen linearen Ursache-Wirkungs-Denkens zu einem regelkreisorientierten, d.h. kybernetisch-zirkulären Systemdenken [G. Bateson „Geist und Natur“ 1975] liegt der oben geschilderten Auffassung wissenschaftshistorisch zugrunde. Tatsächlich reicht das Spektrum der Krankheiten, bei deren Entstehung und Verlauf psychosoziale Einflüsse nachgewiesen wurden, von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen über die Anfälligkeit für Infekte, Unfälle, die großen Massenerkrankungen des Herzens und des Kreislaufs, des Stoffwechsels, der rheumatischen Leiden bis hin zur Großgruppe der Krebserkrankungen.

Der Verlauf dieser Störungen zeigt sich zunehmend durch Sozialleben und Familienbeziehungen der Betroffenen bestimmt. Es stellt sich also die Aufgabe, therapeutische Strategien zu entwickeln, die diesem Sachverhalt Rechnung tragen.