Interaktive Medizin

2. Begegnungsorientiert:
Mit dem körperlichen und emotionalen Kontakt zur Mutter (besonders in den ersten sechs Lebensjahren) und zu anderen Bezugspersonen geht sukzessive die emotionale und kognitive Begegnung des Kindes mit dem sozialen, biologischen und physikalischen Umfeld einher [Ruegg 1998]. Begegnung bestimmt also früh die Entwicklung der Sinne, des Körpererlebens, der Affekte, des Intellektes, des geistigen Bewusstseins, des sozialen Lernens, der Kommunikation, der Beziehungsfähigkeit und des Vertrauens (besonders bei sogenannten „Frühstörungen“). Jede soziale und therapeutische Begegnung in einer Klinik, von dualer Interaktion und Kleingruppe bis hin zur therapeutischen Gemeinschaft, dient deshalb einer bewussten und unbewussten Begegnung. Soziale Auseinandersetzung und emotionale Aktivierung [von Baeyer 1967] durch Begegnung wird dabei von uns durch informativen (Psychoedukation) und therapeutischen Einfluss gezielt gefördert.
Therapien: Z.B. stationäre Behandlungen.

3. Handlungsorientiert:
Wie in der Entwicklung des Menschen die Anfänge von Handeln (z.B. spielen) schon vor der sprachlichen Entwicklung das Leben maßgeblich bestimmen und die Autonomie des Individuums fördern, bestimmen bei uns auch primär Handlungsverfahren die klinische Therapie. Sie erreichen unmittelbar, zum Teil ohne sprachliche Kommunikation, die Psyche [W.W. Jakobs und C. Nadel 1999]. Durch Handlungserfahrung, d.h. „Fehler und Erfolg“ [Hollen 1998], Wiederholung und Kreativität werden Verhaltensänderungen und Ich-Stärkung ermöglicht (besonders bei alexithymischen Störungen, Psychosen und Zwängen).
Therapien: Z.B. Verhaltenstherapie [A.T. Beck u. a.], Gestaltungstherapie, Musiktherapie.

4. Bewusstseinsorientiert:
Es ist die den Menschen unter allen Geschöpfen allein auszeichnende Fähigkeit, seine Sinneswahrnehmungen und seine Gefühle nicht nur zu speichern, sondern sie sich auch bewusst zu machen und sie zu differenzieren. Hieraus resultieren Kritikfähigkeit, Urteilsfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und geistige Vorstellungen. Auf das Bewusstsein, das sich biologisch erst nach Handlungs- und Gefühlsfähigkeit entwickelt [L. Huxley 1963], zielen alle sprachbasierten Therapien (besonders bei neurotischer Dekompensation und reaktiven Störungen).
Therapien: Z.B. Kommunikations- und. Familientherapie, humanistische und existenzielle Psychotherapie.

5. Beziehungsorientiert:
Die körperliche Entwicklung, Begegnung, Handlung sowie das Bewusstsein, sind beim menschlichen Individuum von bestimmenden Bezugspersonen abhängig [Caldji et al. 1998]. Durch sie wird der Mensch ins Leben und die Welt geführt und sie „entscheiden“ indirekt auch später über vieles in seinem Leben. Der Mensch ist im Beziehungsbereich besonders empfindsam, verletzbar, irritierbar, kann Vertrauensdefizite entwickeln und Kompetenz verlieren. Über beziehungsorientierte Behandlungsverfahren können gestörte Entwicklungsprozesse der Patienten schnell reinszeniert, bearbeitet und korrigiert werden können. Im Besonderen wird auch die Mitarbeit, Lernfähigkeit und die Bereitschaft des Patienten, sich behandeln zu lassen, durch die erreichte Stabilität in einer therapeutischen Beziehung gefördert [Eric Kandel 1999].
Therapien: Z.B. Tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Psychotherapie.