Interaktive Medizin

Die Psychologie in der Medizin:

„Ohne „Du“ kann kein „Ich“ werden“

Geburt und frühe Kindheit (Aus Du wird Ich):
Wenn wir uns das „Du“ im „Ich“ vor Augen führen wollen, ist das Verhältnis auf den ersten Blick nicht leicht verständlich, denn das „Ich“ bin schließlich ich und das „Du“ bist du! Es ist tatsächlich aber doch nicht ganz so einfach zu differenzieren. Ich möchte die Zusammenhänge deshalb hier kurz skizzieren:

Die Grundannahme ist jene, dass das „Ich“ eigentlich ein „halbes Du“ ist, dass das „Du“ ein Stück vom „Ich“ enthält. Wenn wir einen Säugling betrachten, können wir dies nachvollziehen. Das Kind kommt auf die Welt und erlebt die Mutter, die ihm das gibt, was es benötigt, um zu leben: Nahrung, Wärme, Zuneigung und Beachtung. Es entwickelt ja sogar schon im ersten Moment nach seiner Zeugung, im Mutterleib, das „Bedürfnis“, alles vom „Du“ zu bekommen, um sein körperliches „Ich“ zu ermöglichen. Nach der Geburt tut es dies aber auch, um sein seelisches „Ich“ zu entwickeln. Es erhält dann von der Mutter seine Bedürfnisse gestillt. Sie gibt ihm etwas von sich, d.h. ihre Wärme, Nahrung, Zuneigung, Fürsorge; später dann auch Identifikation. Aber auch die Mutter erhält etwas vom Kind: z. B. Affekt, das Empfinden, gebraucht zu werden und damit ihrerseits Struktur bzw. Geborgenheit. So entsteht lebensnotwendig eine Beziehung, die beide zufrieden stellt oder sogar glücklich macht.

Menschliche Entwicklung ist also spätestens von der Wiege an geprägt durch die Interaktion zwischen dem „Ich“ und dem „Du“. Ein Kind kann, wie man heute weiß, ohne eine starke mütterliche Präsenz emotional nicht ausreichend reifen. Es kann zwar anstelle der Mutter durch andere Beziehungen reifen und somit eine andere Mutter anstelle der eigenen annehmen. Wechseln aber die Bezugspersonen zu früh und zu oft, sieht sich das Kind einem differierenden „Du“ gegenüber und entwickelt ein labiles „Ich“. Die betreffende Person trägt dann später gewissermaßen verschiedene Menschen in sich (jedenfalls eine differierende Resonanz dieser Menschen auf sich) und damit eine differierende Wahrnehmung seines eigenen „Ich“.

Kindheit (Ich und Du):
Um ein ausreichendes „Ich“ zu entwickeln, bedarf es deshalb nicht nur der körperlichen Beziehung zu und der Interaktion mit einem wichtigen Menschen, sondern es bedarf auch der Kontinuität in der Beziehung zu diesem. Erst damit ist sichergestellt, dass das Kind eine stabile Spiegelung seiner selbst erfährt. Diese ist in einem überschaubaren, vielleicht auch etwas „langweiligen“ Umfeld eher sichergestellt als in einem nicht überschaubaren, vielleicht „spannenden“ Umfeld, das durch den Wechsel der Bezugspersonen oder Wechsel der Aufenthaltsorte gekennzeichnet ist.

Die Erfahrungsprozesse zwischen Eltern und Kind laufen meist intuitiv, ohne große Überlegung ab. Die meisten Menschen wissen einfach, was ihnen und den anderen gut tut. Auch die Erwachsenen wissen dies voneinander. Sie wissen, dass der andere Mensch für sie von Bedeutung ist, wenn sie bei ihm Geborgenheit und damit Struktur erleben wollen.

Dies ist der Grund, warum wir Menschen uns um Übereinstimmung bemühen und warum wir lieben: Wir suchen im anderen uns. Wir sehen und erleben uns in vielen wichtigen Bereichen im anderen widergespiegelt.