Interaktive Medizin

Sich erfahren durch Reflexion (Das Ich und die Reflexion):
Der andere ist es, mit dem wir lernen, Erfahrungen zu machen. Er spiegelt sie uns und reflektiert sie mit uns. Es ist zunächst die Familie, später sind es die Freunde, dann das weitere soziale Umfeld. Der Mensch braucht ein soziales Umfeld wie Nahrung. Er braucht es auch, um sich selbst aus einem anderen Blickwinkel zu erleben. Auch braucht er ein differierendes Umfeld, um in ihm seinen eigenen Weg zu finden. Es ist nicht einfach, Erfahrungen zu sammeln und das Erfahrene zu reflektieren, ohne sich irritiert zu fühlen, denn Erfahrungen tun auch weh. Deshalb sind Eltern oder andere Bezugspersonen wichtig, die liebevoll reflektieren, ohne zu beschämen.

Der Schritt in die Fremde (Das Ich und die Verantwortung):
Es ist sehr schwer, alle notwendigen Erfahrungen im häuslichen Umfeld zu machen. Es ist schwer, weil die Nähe zu Angehörigen oder Bekannten zu groß ist. Es fällt auch schwer, weil manchmal gerade die Wertung, die von diesen Menschen kommt, sehr schmerzvoll sein kann. Es fällt aber vor allen Dingen deshalb schwer, weil Menschen des Umfeldes, das einem vertraut ist, nicht objektiv, sondern subjektiv spiegeln.

Anders ausgedrückt heißt dies, dass Mitmenschen, die unser „Ich“ reflektieren und uns vertraut sind, nicht das spiegeln, was wir sind, sondern das, was sie in uns hineinprojizieren. Die Mutter erlebt, wenn sie jahrelang mit dem Sohn oder der Tochter zusammen ist, nicht das, was objektiv geschieht, sondern das, was sie subjektiv wahrnimmt. Das führt u. U. auch dazu, dass Kinder sich mit ihren Eltern in der Pubertät nicht mehr verstehen. Sie erleben sich bei ihnen nicht mehr selbst, sondern als etwas, was ihnen fremd ist oder als etwas, das sie daran hindert, ein „Ich“ zu entwickeln.

Menschen suchen also ein fremdes Umfeld, in dem sie ein „Du“ finden, das sie ihr „Ich“ neu erleben lässt. Dies kann nicht an einem einzigen Ort, bei einem einzigen Menschen gelingen, sondern eben nur in Beziehungen zu verschiedenen einzelnen Menschen oder Gruppen, nur in neuartigen Zusammenhängen, an neuen Orten. Wir brauchen also nicht nur einen einzigen Menschen, der uns sehr nahe ist, sondern mehrere Menschen, die uns die Möglichkeit geben, Verantwortung für unser „Ich“ zu übernehmen.

Realitätsprüfung (Das „Ich“ im Spiegel der Wirklichkeit):
Alleine können wir uns nicht ausreichend reflektieren. Wir können ein Tagebuch schreiben, wir können beten, wir können Musik hören, wir können meditieren. All dies hilft bei der Wahrnehmung seiner selbst. Es hilft aber nur sehr eingeschränkt. Erfahrung bedeutet vor allem, sie aktiv zu machen. Nur so werden Nervenzellen vernetzt und Erfahrung dann plastisch im Gehirn verankert [Caldji et al, 1998 / Eric Kandel, 1992].

Das „Ich“ kann sich nur entwickeln, wenn wir bewusst oder unbewusst Menschen suchen, die uns darin fördern, Wirklichkeit zu erleben, die sich dann wiederum in uns manifestiert, verinnerlicht. Wer diesen Prozess vernachlässigt, verliert einen realistischen Bezug zu sich selbst.

Es gibt keine Gesetzmäßigkeit, wie man den Bezug zu sich und zur Wirklichkeit verliert. Es gibt aber die Beobachtung, dass Menschen, die den sozialen Kontakt verlieren, zuerst in den Dialog mit sich selbst gehen, sich selbst Fragen stellen, auf die sie selbst Antworten finden und schließlich, in Ermangelung von Bezugspersonen, Antworten anderen unterstellen, die diese tatsächlich nicht geben. Diese Menschen fragen dann nicht mehr, ob ihre Wahrnehmung auch mit der Realität, d.h. mit der Meinung des anderen übereinstimmt. Selbst wenn die Antwort stimmen würde, ist es nicht die gesprochene, sondern eine fiktive Antwort. Vergleichbar wäre dies mit der Vorstellung, dass eine verbal formulierte Berührung des Gesprächspartners am Telefon eine reale Berührung sei.