Interaktive Medizin

Gefühle und Kontrolle (Das Ich, die Nähe und die Distanz zum anderen):
Wie findet man aus Störungen des Selbstbezuges heraus, wenn man sich isoliert fühlt? Man sucht Menschen, die vertrauenswürdig sind und die dabei nicht eine Nähe einfordern, die einen daran hindert, bei sich selbst zu bleiben. Man sucht also so viel Nähe, wie man braucht, so viel Distanz, wie einem gut tut.

Es ist ein dynamischer Prozess von Nähe und Distanz. Es ist ein Prozess von Wiederholung, der Struktur benötigt, Vertrauen und Antworten. Wer glaubt, dass er sich findet, indem er sich z.B. verliebt und viel Nähe zulässt, bekommt Probleme. Er bekommt diese spätestens dann, wenn er nicht wieder zu sich zurückfindet, weil er keine Distanz zum anderen aufbauen kann, weil er sich im anderen verliert. In diesem Sinne zu verstehen ist der Satz: „Liebe macht blind“. Sehr starke Gefühle für einen Menschen können einen daran hindern, sich selbst nahe zu sein.

Man braucht auch bei noch so positiven Gefühlen für den anderen deshalb die Kontrolle seiner selbst. Man braucht Distanz, um den anderen Menschen als „Du“ und nicht als „Ich“ wahrzunehmen.

Selbstfindung oder das Verhältnis zwischen „Ich“ und „Du“ sind kontinuierliche Prozesse, die mit Nähe und Distanz verknüpft sind. Damit verknüpft sind auch Affekte wie Freude, Aggression, Zuneigung und Ablehnung. Diese Prozesse werden im zentralen Nervensystem gespeichert.

Unkontrollierte Affekte (Stress) stören die stabile Vernetzung und Bahnung von Verhaltensstrukturen. Die Abwehr von Stress ist der Grund, warum z.B. Jugendliche zunächst keine intensive Beziehung zu einem fremden Menschen eingehen. Stattdessen suchen sie Menschen, die mit ihnen oberflächliche Freundschaften beginnen oder innige Freundschaften, die nicht sexueller Natur sind. Sie wissen unbewusst um die Gefahr, wenn zu viele Gefühle das „Ich“ überfordern.

Reifung durch Loslassen (Die Reifung des Ichs):
Reifung ist nicht nur für Jugendliche, sondern für jeden Menschen ein körperlicher und psychischer Prozess, der sehr anstrengend ist und der enorm viel Disziplin oder Struktur abverlangt. Er ist deshalb anstrengend, weil die Suche vom „Ich“ im „Du“ immer Stückwerk bleibt. Ein paradoxer Satz verdeutlicht diese Schwierigkeit: „Ich suche mich in Dir und finde mich nicht; das macht mich einsam und deshalb sehne ich mich nach Dir, um mich in Dir zu finden.“

Anders ausgedrückt: Man sucht den anderen in sich und erlebt, dass der andere nicht so ist wie man selbst. Insofern kann man machen, was man will, man nimmt, wenn man sich im anderen gespiegelt fühlt, wahr, dass der andere einem auch fremd ist. Man muss somit loslassen und seine eigene Persönlichkeit entwickeln.

Selbstständigkeit (Die Autonomie des Ichs):
Ich möchte mit der kleinen Geschichte vom „Ich“ und „Du“ schließen, die die Beziehung wunderbar beschreibt: „Das kleine „Ich“ sucht als Fabelwesen sein Gegenstück. Es findet es aber nie. Alle Geschöpfe sind anders. Am Ende aber findet es sich, weil es nämlich feststellt: „Ich bin Ich“. Oder: „Ich bin ich, weil ich anders bin als Du. Und weil ich anders bin als Du habe ich ein „Ich“. Und weil ich ein „Ich“ habe, kann ich dich lieben.“