Medialer „Kindesmissbrauch“

Barack Obama sagte in München Ende September 2019 sinngemäß : „Greta Thunberg sollte sowas nicht tun müssen.“ Er traf damit den Nagel auf den Kopf: Sie ist – wie man liest – eine autismuskranke Jugendliche. Greta wird für ein die Welt seit Jahrzehnten bewegendes Thema instrumentalisiert: Das Klima. Wenn man die Hintergründe aber kennt, entlarvt man ökonomische Triebkräfte und deren gigantische Propagandamaschine, die weltweit Aufsehen erregt und jetzt sicher dafür sorgt, dass die Unbeschwertheit von Gretas Jugend – soweit man das mit dem Krankheitsbild so überhaupt erleben könnte – bei Greta vorbei ist. Sie behauptete zwar, ihr sei von unfähigen Erwachsenen die Kindheit geraubt worden, jedoch sollte man da genauer hinschauen. Greta ist soweit erkennbar nicht durch Klimaereignisse in ihrer Kindheit geschädigt. Vielmehr ist sie jetzt durch die Instrumentalisierung des an der Propagandamaschine auch trefflich verdienenden Vaters gehindert, einen weitgehend freien, unbelasteten entwicklungsgemäßen jugendlichen Weg zu gehen, der sowieso schon schwer war und ist, im Vergleich zu Gesunden um so mehr.

Das mediale Greta-Phänomen zeigt in erschütterndem Ausmaß, wie skrupellos erwachsene Klimaretter mit der Jugendlichen umgehen. Um Profit mit ihrem Verständnis von Weltrettung zu erzielen, ist ihnen die Instrumentalisierung von Greta gerade recht. Verheerend ist, nimmt man z.B. Barack Obama mal aus, dass im Sinne einer Vermassung unzählige Erwachsene (darunter sind auch Politiker) die Greta-Story aufgreifen und für sich, ihre eigene Inszenierung im Sinne des sekundären Narzissmus benutzen. Das bietet sich schon deshalb an, weil Greta nichts Ehrenrühriges verfolgt: sie will nur die Welt retten (helfen), dadurch dass sie das absolute Gute von der Weltgemeinschaft fordert. Wer kann da ernsthaft dagegen sein? Da fällt es schon schwer anzumerken, dass Greta – wenn auch instrumentalisiert – anmaßend ist. Bei allem Respekt vor wohl auch eigenen Triebkräften für die Mission: kann Greta (selbst) ernsthaft dermaßen fordern und verurteilen? Sind da nicht zuvor noch etliche mühsame Zwischenschritte zu bewältigen? Abgesehen davon drängen sich Fragen um Aspekte des Kindeswohles auf: Sollte man nicht den Eltern und Medienvertretern nahelegen, Greta aus dem medialen Hype schnellstmöglich herauszuhalten?

Aber es gibt auch jüngst die etwas unspektakulärere Variante mit Zügen des „Kindesmissbrauches“, wie Pfarrer Christian Wolff in der Thomaskirche zu Leipzig im September 2019 kritisierte. Der Fall erreichte zuvor juristische Dimension: Eine Mutter, Rechtsanwältin von Beruf, begehrte 2019 die Aufnahme ihrer Tochter in einem Berliner Knabenchor. Sie scheiterte vor dem Berliner Verwaltungsgericht. Zum Glück für die Tochter möchte man meinen, die sehr wahrscheinlich im Knabenchor mindestens Akzeptanzprobleme bekommen hätte. Indes: Beharrlich verfolgte die Mutter danach, dass ihre Tochter dann eben in einem anderen renommierten acht Jahrhunderte alten Knabenchor singen dürfe – diesmal in Leipzig. Nicht genug dessen: die Mutter hat angesichts des drohenden Ablaufs der in Leipzig zu beachtenden Vorsing-Vorstellungsfrist einen Antrag – wurde prompt abgelehnt – bei der Stadt gestellt, ihrer Tochter eine vier-monatige Verschiebung zu gewähren, da das Mädchen zuvor einen Kurs zur Erlangung der Fähigkeit, wie ein Knabe zu singen, absolvieren sollte, sprich: den Schmelz der typischen Knabenstimme zu „imitieren“.

Wo aber sind die Gemeinsamkeiten der eben genannten Varianten des „Kindesmissbrauchs“?

Bei Greta Thunberg sind freilich die v.a. wirtschaftlichen Interessen unübersehbar und das Ausmaß des Hypes ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem der Mutter, die ihre Tochter partout in einem über 800 Jahre alten Knabenchor aufgenommen wissen will. Man kann die beiden Fälle aber dennoch in zentralen Punkten vergleichen: Beide zeigen die Maßlosigkeit der Erwachsenen und deren skrupellose Bereitschaft, auf dem Rücken der Kinder durch deren Instrumentalisierung ihr vermeintliches Recht oder Vorteile durchzusetzen. Dabei spielt es keine Rolle, wer die Idee entwickelte, also die Eltern oder die Kinder. Denn noch ist es so, das Eltern entscheiden, wann und wo sie sich als Eltern für die Belange ihrer Kinder einsetzen.

Ist das die Errungenschaft einer (reifen) Demokratie? Brauchen unsere Kinder derlei Maß und Ziel entbehrende Auswüchse? Und: was lernen unsere Kinder von diesen Exzessen? Ich hoffe sie lernen zuerst, wie sie ihr Trauma des emotionalen, medialen, ökonomischen oder anderweitigen „Kindesmissbrauches“ überwinden können. Und dass sich genügend Erwachsene finden, die ihnen dabei helfen, vor allem im Alltag, mit gesundem Menschenverstand, wozu Humor und Relativierung, Beruhigung und Entängstigung, heilsame Einbettung des kindlich-jugendlichen „Ich“ in das „Wir“ gehören. Unsere Welt benötigt dringend ein vernünftiges also maßvolles Gegengewicht, um Kinder und Jugendliche vor solchen Auswüchsen wie oben beschrieben zu bewahren. Der Ausgestaltung des entgrenzten Narzissmus oder Größenwahns, falsch verstandener Liberalität und Fanatismus sollte öffentlich wahrnehmbar eine kritische Diskussion entgegengesetzt werden dürfen, ohne als Vergifter der Welt oder der Zwischenmenschlichkeit gebrandmarkt zu werden. So könnten auch die nicht betroffenen Kinder mit ihren vernünftigen Eltern reflektieren und lernen, was nicht altersentsprechend, unangemessen und grenzverletzend, also nicht gut für sie ist. Dies trüge dazu bei, später nicht selbst dermaßen zerstörerischen Eifer zu entwickeln und die eigenen – noch ungeborenen – Kinder in ähnlich skrupelloser Weise zu funktionalisieren.

Hinweis: Der Begriff des Kindesmissbrauches ist hier natürlich nicht in der bekannten rechtlichen Dimension zu verstehen.