Mediensucht

Wie geht man mit einer neuen Erkrankung um?

Immer wieder tauchen neue Erkrankungen auf, die allgemein als Problem erkannt werden. Dennoch muss meistens erst bewiesen werden, dass sie medizinisch behandlungsbedürftig sind. So geht es derzeit mit der Mediensucht, in klinischen Fachkreisen pathologischer PC- und Internet-Gebrauch genannt. Viele erkennen das Problem des Umgangs mit Medien an, dass aber Menschen an einer „Störung“ leiden, also einer psychischen Erkrankung, wird in Abrede gestellt. Zum Leidwesen der Betroffenen. Der Unterschied zwischen dem sogenannten normalen Gebrauch und einer Störung wird kleingeredet, als Erziehungsproblem oder gesellschaftliches Problem dargestellt. Fast allen Menschen fällt auf, dass sie hin und wieder zu viel an ihrem Smartphone „kleben“ und wie schwer es ist, sich „zu lösen“. Dieses Phänomen nennt sich „Modediagnose“. Eine Erkrankung wird nicht als solche anerkannt. Zuletzt waren es Störungen der Aufmerksamkeit und Erscheinungen von Hyperaktivität (ADS und ADHS), bei denen es bis in die späten siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts dauerte, bis sie durch Aufnahme in den Katalog psychischer Erkrankungen (damals ICD-9) erforscht und behandelt werden konnten. Heute handelt es sich um eine gesicherte Diagnose, deren Ursachen erforscht werden und deren Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie wirksam und kostengünstig durchgeführt werden kann. Vielen Menschen gelingt dadurch eine deutliche Besserung der Lebensumstände, und ein leidvolles Schicksal mit privaten und beruflichen Problemen kann merklich gemindert werden.

Mediensucht als anerkannte Erkrankung
Die USA, in medizinischer Hinsicht oft das Vorbild für Entwicklungen in Europa, haben nun beschlossen, die Mediensucht in ihren Katalog psychischer Erkrankungen, das sogenannte DSM-V, aufzunehmen. Dort wird sie nun als „weiter zu erforschende Störung“ geführt. In Europa wird dem dadurch Rechnung getragen, dass angekündigt wurde, diese Störung nächstes Jahr in die neueste Fassung des ICD (ICD-11) zu übernehmen.

Welche Symptome hat ein Mediensüchtiger?
Die „Internet Gaming Disorder“, wie sie in Amerika genannt wird, zeichnet sich durch spezifische Symptome aus: andauernde Beschäftigung mit dem Medium sowie Entzugssymptome wie Unruhe, Toleranzentwicklung, Vernachlässigung anderer Aktivitäten, exzessives Spielen trotz Wissens um die Nachteile, Täuschungen in Bezug auf das Ausmaß der Aktivität und Funktionalisierung zur Vermeidung negativer Emotionen. In dieser Definition finden sich die klassischen Suchtsymptome angepasst wieder. Folgerichtig hieß es bei der Ankündigung für die neue Version der europäischen Klassifikation psychischer Erkrankungen, dem ICD-11, dass es diese Störung ebenfalls geben und sie dem Bereich F10 „Psychische und Verhaltensstörungen durch“ zugeordnet werde. In diesem Bereich finden sich auch die Alkoholabhängigkeit und die Glückspielsucht.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Derzeit sind laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2017 3 Prozent der Erwachsenen und 6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen betroffen.

Was tut das Sigma-Zentrum?
Dieser Entwicklung wird das Sigma-Zentrum seit zwei Jahren dadurch gerecht, dass es eine Arbeitsgruppe „Mediensucht“ ins Leben gerufen hat. Diese Arbeitsgruppe hat ein auf die multimodale Behandlung und das kybernetische Menschenbild ausgerichtetes Konzept zur Behandlung dieser Störung erarbeitet. Es umfasst eine exakte Diagnostik und Differentialdiagnostik zum Ausschluss verwandter oder ähnlicher Störungen sowie mögliche Komorbiditäten, sprich andere Störungen, die mit der Mediensucht einhergehen können, wie zum Beispiel Depressionen und Angststörungen. Die Einzeltherapie umfasst verhaltenstherapeutische und psychodynamische Aspekte (Motivational Interviewing, respektive OPD-2 Abhängigkeit zur Aufklärung der zum Teil unbewussten motivationalen Anteile). Zur Förderung der Einsicht in die Problematik und deren Behandlung sieht das Konzept zudem die Teilnahme an der psychoedukativen Gruppe „Suchtprävention“ vor. Der soziale Rückzug wird thematisch in der interaktionellen Gruppentherapie aufgegriffen und bearbeitet. Um den bisher in der „Zweitwirklichkeit“ errungenen Selbstwert auch im oft frustrierenden Alltag zu fördern, können im Training selbstsicheren Verhaltens selbstwertsteigernde Verhaltensweisen in Rollenspielen geübt werden. Zudem werden durch die angepasste körperliche Aktivierung, je nach Vermögen und Bedarf, die Gesundheit gefördert und eine Bewältigungsressource aufgebaut. Individuellen Besonderheiten trägt die passende Zuteilung in das breite zur Verfügung stehende Spektrum aus psychoedukativem, interaktionellem und fachtherapeutischem Angebot Rechnung. Auf diese Weise wird der Patient sowohl in der Störung erkannt, anerkannt und behandelt sowie in ihrer einzigartigen Menschlichkeit gesehen und respektiert.

Und wie geht es weiter?
Der momentane Schwerpunkt der Arbeitsgruppe „Mediensucht“ des Sigma-Zentrums liegt darin, das Angebot weiter auszubauen. Neben den Erkrankten weisen 22 Prozent der 12- bis 17-Jährigen und 15 Prozent der 18- bis 25-Jährigen einen problematischen Gebrauch von Medien auf. Erweitert man das Problemfeld auf das Fernsehen, mit 2017 durchschnittlich 3 Stunden und 41 Minuten pro Tag, sieht es bei den Erwachsenen nicht besser aus. Da der exzessive Mediengebrauch den Stress nur scheinbar reduziert und wir wissen, dass er Ursache oder Aufrechterhalter fast aller Störungen ist, müssen medienpädagogische Fähigkeiten störungsübergreifend gefördert werden. In einem Gruppenangebot zur Stressbewältigung sollen Patienten künftig einen gesunden Umgang mit diesem und anderen „Kraftfressern“ lernen.

Ebenso wie bei ADS, ADHS und vor knapp 150 Jahren bei Depressionen, braucht es keinen Streit darum, wer Recht hat, sondern ein Umdenken. Den Erkrankten muss die Hilfe zukommen, die sie brauchen um gesund zu werden; den gesundeten Erkrankten wie den Gesunden muss das Werkzeug an die Hand gegeben werden, gesund bleiben zu können. Dem trägt das Sigma-Zentrum Rechnung und wird durch eine interne Fortbildung im Juni 2019 das erworbene Wissen und einen Einblick in die Behandlung an Interessierte weitergeben.

Mag. phil. Benedikt Mayer