Medikamentöse Therapie – ein Essay

Für eine entängstigende Aufklärung pharmakologisch behandlungsbedürftiger Patienten

Seelisches Erleben und kognitive Prozesse lassen sich von ihrer biologischen Grundlage nicht trennen, die Psyche ist keine Software, die auf einem „Gehirncomputer“ läuft. Genauso wie langanhaltendes seelisches Leiden zu massiven Veränderungen des Neurotransmitterhaushaltes (der Botenstoffe im Gehirn) und sogar zur Änderung der Hirnmorphologie führen kann, sind auch primär „körperliche“ Erkrankungen häufig von psychischen Symptomen begleitet. In der klinischen Medizin kommt kaum ein Fachbereich ohne den Einsatz von Medikamenten aus. Gerade weil wir wissen, dass Patienten oft enorme Ängste vor Psychopharmaka haben, nehmen wir uns dieser Thematik gründlich und vorausschauend an. Natürlich muss nicht jedes Krankheitsbild mit hochwirksamen Psychopharmaka behandelt werden. Mitunter reichen auch pflanzliche Präparate um etwa Schlafstörungen, Depressionen oder Ängste zu behandeln. Sollte dies nicht ausreichend sein, weil keine Genesung eintritt, schlagen  wir gemäß medizinischen Leitlinien und nach unserer Erfahrung eine psychopharmakologische Behandlung vor. Dabei legen wir größten Wert auf den Dialog mit unseren Patienten, um Ängste vor Medikamenten abzubauen und  den gesamten Therapieprozess dadurch zu unterstützen. Wir entscheiden also nicht mit einer „Verordnung“ über den Kopf des Patienten hinweg, sondern wir nehmen Befürchtungen ernst und begleiten die Entscheidungsprozesse  wohlwollend.  Dies entspricht unserer Grundhaltung, die Patientenautonomie zu stärken und im Handlungsdialog die Therapieprozesse zu optimieren.

Was spricht  für und was  spricht gegen Psychopharmaka?

Vorbehalte gegenüber Psychopharmaka sind weit verbreitet und auch uns als klinisch und ambulant tätigen Medizinern gut bekannt. Viele Menschen glauben irrtümlich, dass alle Psychopharmaka süchtig machen. Fragt man nach weiteren  Ursachen für Vorbehalte, so stellen sich vielfältigste Gründe für die Ablehnung einer psychopharmakologischen Behandlung heraus: Es sind Ängste, abhängig zu werden; Ängste lebenslang Medikamente nehmen zu müssen; Ängste vor Überdosierungen (wie man es aus Filmen kennt); Ängste vor Krampfanfällen; Ängste, der Arzt sei sich in der Verordnung selbst unsicher und womöglich unerfahren; Ängste vor Gewichtszunahme; Ängste vor Gedächtnisverlust; Angst den Führerschein zu verlieren;  Ängste die Persönlichkeit zu verlieren oder dass sich diese durch Medikamente verändert. Oft wird auch vorgetragen, dass  Tabletten Probleme nicht lösen. Viele Patienten meinen, durch Psychopharmaka ihre Kreativität zu verlieren, übersehen dabei aber, dass sie gerade ihre Kreativität im Krankheitsfall nicht mehr gesund entfalten können.

Wir klären dann geduldig auf, dass die seelische Erkrankung für sich betrachtet oft viel mehr ungünstige (Neben)-wirkungen hat als eine behutsame medikamentöse Behandlung, welche stabilisiert und erleichtert. Natürlich ist es wichtig zu wissen, dass bestimmte Präparate bei organischen Erkrankungen (z.B. Herzrhythmusstörungen, Adipositas, Diabetes mellitus) oder Schwangerschaft respektive Kinderwunsch nicht verordnet werden dürfen. Ebenso ist eine medikamentöse Behandlung kontraindiziert, wenn  es andere  verantwortbare und effektive  Therapieoptionen gibt. Daher wägen  wir mit unseren Patienten in  Visiten und  Therapiegesprächen gemeinsam ab, welcher Behandlungsweg gewählt werden könnte.  Dies bedeutet auch, dass wir bei Unverträglichkeiten, die sich nicht immer vermeiden lassen, rasch ein Medikament reduzieren, absetzen, wenn nötig pausieren oder umstellen bzw. die Kombinationen verändern. Auf Psychopharmaka verzichten wir, wann immer möglich und wir verordnen nach dem Prinzip „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“.

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